Kein Kind geht verloren!

Vor einem Jahr wurde eine der religiösen Minderheiten im Irak, die Jesiden, einem gewaltsamen Übergriff des Islamischen Staats (IS) ausgesetzt. Die Vereinigten Nationen zögerten nicht, die Gräueltaten als Völkermord zu bezeichnen. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass es sehr wichtig ist, den Opfern zu helfen, mit dem Schock umzugehen. Dadurch werden künftige Generationen nicht unter den grausamen Taten leiden.

Die beiden Jungen und deren Vater wagten es kaum zu atmen. Der süße und ekelerregende Geruch von Blut füllte ihre Nasen, und sie konnten die Hitze der anderen Körper, die schlapp und leblos rund um sie lagen, spüren. Dem Vater waren die Glieder durch die Schusswunden gefühllos geworden. Er guckte nach oben. Eines der anderen Körper hatte sich bewegt, aber im selben Moment feuerte ein bewaffneter Krieger eine Maschinengewehrsalve in den Kopf des Mannes. Nur diejenigen, die ganz bewegungslos lagen, hatten Hoffnung zu überleben. Zwei Stunden vergingen, ehe Khalef und seine beiden Söhne sich aufmachen und flüchten konnten.

Augenzeugen eines Massakers

Khalef ist einer von vielen Augenzeugen des Massakers, den der Islamische Staat voriges Jahr an den Yaziden im Nordirak begangen hat. Dr. Kim Hartzner, Stellvertretender Vorsitzender von Mission East Deutschland, hat sie im Winter getroffen, als er an den Verteilung von Nothilfe teilgenommen hat. Khalef ist dankbar, dass er und seine Söhne immer noch am Leben sind, aber sie müssen jeden Tag die Erinnerung an diese zwei Stunden, als sie unter einem Haufen von toten Körpern lagen, mit nur einer schwachen Hoffnung, dass sie überleben wurden, bewältigen. Und sie sind nicht die einzigen, die mit schweren Erinnerungen ringen müssen. Frauen wurden vergewaltigt, Kinder haben ihre Eltern verloren, und in ihrer verzweifelten Flucht sind die Jesiden von Sindschar gezwungen, nicht nur Nahrungsmittel und Unterkunft zu finden, sondern auch das Vertrauen in andere Menschen und den Glauben an das Leben überhaupt wiederzufinden.

Die Gewalt vererbt sich fort

Es sind Kinder und Frauen, die meisten den Erfahrungen ausgesetzt sind. Wegen sozialer Tabus können die Frauen oft nicht über die sexuelle Gewalt sprechen und die Kinder befinden sich in einer zerbrechlichen Phase ihres Lebens.

“Wenn Kinder Kriegstraumata erleben, werden sie stumm. Es gibt viele psychologische Störungen, die mit dem Krieg verbunden sind, und wenn kein Ende darauf gemacht wird, reagieren die Kinder als Erwachsene mit Gewalt, wenn sie Gewalt erleben. Es ist wichtig, dass die Kinder diesen Ereignissen ein Ende bereiten. Das verhindert, dass Gewalt in die nächste Generation weitergetragen wird,“ erzählt Jerome Caluyo, der viele Jahre mit psychosozialer Hilfe in Kriegsgebieten gearbeitet hat, und der jetzt als Landesleiter von Mission East in dem kriegsverwüsteten Land Afghanistan arbeitet.

Spielen in sicheren Umgebungen

Mission East hat Zentren im Nordirak etabliert, wo Frauen die Möglichkeit haben, über ihre Erfahrungen zu erzählen, und wo Kinder in einer sicheren und ruhigen Umgebung spielen und sprechen können. Die Zentren werden als  ’Child-Friendly Spaces (CFS)’ genannt, das heisst kinderfreundliche Gebiete.

“Nach den ersten Meldungen, die wir bekommen, geht es den Kindern gut. Somit ist unser Hauptziel für die Zentren erreicht,” erzählt Kendrah Jespersen, die den Einsatz für Mission East im Nordirak koordiniert. Jerome Caluyo fügt hinzu:

“Die Idee ist, dass die Kinder nicht mehr direkt mit der Gewalt konfrontiert werden, sondern  die gewaltsamen Erfahrungen mit etwas Positivem ersetzt, zum Beispiel Spielen und Gruppengespräche, in denen sie miteinander über ihre Erfahrungen reden und lernen, wie sie damit umgehen können.“

Anerkennung ist wichtig

Die Anerkennung durch die Vereinigte Nationen und ihre politische Anerkennung des Massakers als Völkermord ist auch wichtig. In Armenien kämpft man immer mit den Erinnerungen an den Völkermord im Jahr 1915, da die Türkei die Vernichtung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmannischen Reich nicht als Völkermord anerkennen will. Der Hass lebt deshalb über die Generationen weiter. Eine politische Anerkennung macht es dagegen möglich, die Verantwortlichen vor Gericht zu ziehen, damit die Gräueltaten gesühnt werden können. Und hier spielen Augenzeugen wie Khalef eine wichtige Rolle. Er wird nämlich imstande sein, diejenigen zu identifizieren, die so viele seiner Freunde und Verwandten und fast – aber nur fast – auch seine Söhne und ihn ermordet haben.

Zentren für Frauen und Kinder mit Traumen

  • Mission East hat in verlassenen öffentlichen Gebäuden im Sindschar ein Zentrum eröffnet und zwei in Kurdistan. Auch wurden große Zelten aufgebaut.
  • Die Zentren werden von Freiwillingen betreut, die selbst Vertriebene sind.
  • Die Freiwillingen werden dafür ausgebildet, um mit Kindern und Erwachsenen, die Opfer oder Zeugen von Gewalt gewesen sind, umzugehen.