Unsere Reise in den Nordirak 2018

 

Anfang November 2018 reiste Jana Goepel, die Geschäftsführerin von Mission East Deutschland, gemeinsam mit Mission-East-Gründer Kim Hartzner sieben Tage in den Irak. Beide wollten sich den Stand unserer Hilfsprogramme in dem von Krieg und Vertreibung betroffenen Land ansehen. Sie trafen dort Nadim Ammann vom Erzbistum in Köln, der sich ein Bild von unserer Arbeit machen wollte. Hier ist Janas Reisebericht:

31. Oktober - 1. November 2018

"Unsere Anreise dauerte 28 Stunden. Mein Kollege Kim kam aus Kopenhagen, ich von Berlin. Wir flogen über Istanbul und Baghdad. Von dort nach Suleimanya mit einer winzigen Maschine. Und dann noch 3 Stunden Autofahrt nach Erbil. Geschafft! Nach unserer Ankunft gegen Mittag in Erbil erhalten wir zunächst ein Sicherheitsbriefing, das uns auf die bevorstehenden Reisen in der Region vorbereitet und uns wichtige Hinweise und Verhaltensregeln im Ernstfall vermittelt. Die Region ist immer noch voller Gefahren

Auf dem Weg nach Mossul müssen einige Check-Points passiert werden, insbesondere weil wir das kurdische Gebiet verlassen und kurz vor Mossul in irakisches Territorium fahren wollen. Endlich angekommen, erreichen wir ein kleines Büro im Osten der Stadt. Dieser Teil der Stadt ist nicht so sehr von den Kämpfen zerstört worden, wie West-Mossul und die Old-City.

Unser Büro in Mossul wird von engagierten Mission East-MitarbeiterInnen geführt, viele von ihnen stammen direkt aus der Stadt oder aus der Umgebung (Foto oben!). Sie berichten von der Not der Familien, erzählen aber auch, welche Fortschritte sie mit unserer Unterstützung machen können.

Dann besuchen wir das nah gelegene Kinder – und Jugendzentrum, welches von der Mission East-Partnerorganisation EADE geführt wird. Es ist ein fröhlicher und bunter Ort. Täglich besuchen zwischen 200 und 300 Kinder das Zentrum. Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 17 Jahren finden hier einen sicheren Rückzugsraum. Das Schulsystem in Mossul ist noch nicht wieder funktionsfähig. Unterricht findet nur unregelmäßig statt. Das Zentrum steht den Kindern zu jeder Tageszeit offen. Viele Kinder, die das Zentrum besuchen, haben während der IS Belagerung in Mossul ihre Häuser nicht verlassen können. Die Angst war zu groß, es könnte ihnen etwas zustoßen. Fast alle Kinder haben Familienangehörige und Freunde verloren. Es scheint, dass sie einen Teil ihrer grausamen Erfahrungen ein Stück weit hinter sich lassen konnten.

Im Anschluss an diesen Besuch sind wir über den Tigris in die Old-City gefahren. Das Ausmaß der Zerstörung, das wir dort gesehen haben, ist kaum in Worte zu fassen. Ganze Straßenzüge sind komplett zerstört und es wird vermutet, dass sich noch immer Tote unter den eingestürzten Häusern befinden. Obwohl es an einigen Straßenecken bereits wieder Händler und improvisierte Läden gibt, ist die Atmosphäre doch drückend. Teilweise erscheint die Old-City komplett verlassen. Doch die Schönheit der Altstadt lässt sich durchaus noch erahnen. Mossul war über Jahrhunderte ein wichtiges Handelszentrum. Der Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern.

Ich komme spät ins Bett. Zu viel geht mir im Kopf herum."

2. - 3. November 2018

"Wir sind Richtung der weitgehend von Christen bewohnten Stadt Teleskuf gefahren, um uns dort mit dem Gemeinderat zu treffen. Dieser Rat ist aus einer eigenen Initiative der Bewohner Teleskufs gegründet worden, um so mit einer Stimme für die Belange der Gemeinde zu sprechen. In der Vergangenheit sind viele Hilfsmaßnahmen durch die örtliche Kirche nicht so gelaufen, wie gewollt. Jetzt will die Gemeinde die Sache in die eigenen Hände nehmen. Es gibt keine staatlichen Strukturen, die Gemeinden wie sie unterstützen.

Vor 2014 lebten etwa 1400 Familien in Teleskuf. Während der Belagerung des IS hatten alle Bewohner die Stadt verlassen. Zum jetzigen Zeitpunkt leben etwa wieder 900 Familien in Teleskuf. 80% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Eine besonders dringende Frage betrifft die Versorgung mit Materialien für den anstehenden Winter. Grundlegende Güter, um warm durch die kalte Jahreszeit zukommen, fehlen noch immer.

Am Abend treffen wir Nadim Amman vom Erzbistum Köln in Dohuk. Gemeinsam überlegen wir, wie wir den Menschen zügig für den bevorstehenden Winter beistehen können. Wir brauchen starke Partner im Irak. Die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche in Deutschland wäre ein riesen Schritt vorwärts!

Nach einer 6-stündigen Tour am folgenden Tag, vorbei an insgesamt 17 bewaffneten Check-Points, kommen wir abends völlig erschöpft in Sinuni, eine Stadt im Sinjar Distrikt, an. Einmal sind wir an einem Kontrollpunkt lange festgehalten worden, da wenige Stunden zuvor die Prozeduren und Formulare zur Einreise verändert worden sind. Unsere Zugangsberechtigung hatte seine Gültigkeit verloren. Gottseidank konnte einer unserer lokalen Kollegen einen seiner Kontakte nutzen, um uns durch den Check Point zu bringen. Wir hatten Glück."

4. November 2018

"In Sinuni treffen wir zurückgekehrte jesidische Ladenbesitzer, die von Mission East Unterstützung erhalten haben, um ihre Shops wiederzueröffnen. Zuerst waren wir bei einer Frau, die ihr Geld als Schneiderin verdient und durch den Krieg alles verloren hat. Mission East hat ihr den Kauf einer neuen Nähmaschine, eines Stromgenerators und dringende Reparaturen an dem Haus finanziert. Heute verkauft sie bis zu neun Kleider pro Woche und kann wieder gut von dem Einkommen leben. Sie hat sechs Kinder, einige von ihnen leben heute in Köln.

Später besuchen wir Gewächshäuser, die von Mission East errichtet worden sind. Sie versorgen ein ganzes Dorf mit Nahrungsmitteln und Einnahmen aus dem Verkauf auf Märkten. Die Gurkenernte war dieses Jahr außerewöhnlich gut. Insgesamt hat Mission East 80 solcher Gewächshäuser in der Sinjar Region errichtet. Je eines wird von drei Familien gepflegt und genutzt. Insgesamt profitieren also rund 240 Familien davon. Hinzu kommen die Bereitstellung von Pumpanalagen, Generatoren und Düngematerialien sowie Schulungsmaßnahmen, um die Gewächshäuser richtig zu nutzen.

Danach haben wir das neue Gemeindezentrum in Gohbal besucht, das vom Land Brandenburg mitfinanziert wird. Wir treffen dort eine jesidische Jugendgruppe, die sich für die Belange der Rückkehrer einsetzt und in Eigeninitiative kleine Projekte in diesem Zentrum umsetzt. Mit Unterstützung aus Potsdam helfen wir dieser Gruppe, ihre Projekte und Arbeitsansätze zu systematisieren und zu strukturieren.

Zurück in Erbil haben wir am Abend alle Mitarbeiter unseres Büros getroffen. Wir haben die Chance genutzt, uns besser kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Kim hat mit allen Kollegen/Kolleginnen kurze Interviews geführt und es wurden viele Einzelportraits der Mitarbeiter gemacht. Diese wollen wir für unsere Social Media Arbeit nutzen."

5. November 2018

"Wir besuchen West-Mossul und treffen Familien, die von Mission East im vergangenen Jahr Bargeld-Hilfen für den Wiederaufbau erhalten haben. Die Geschichten der Familien sind dramatisch, einige geben aber auch Hoffnung. Ein besonders tragisches Schicksal berichtet ein Familienvater: Er hat sieben Kinder und kümmert sich nun zusätzlich um die vier Kinder seines verstorbenen Bruders (eines davon mit einer geistigen Behinderung). Sein Bruder wurde vom IS getötet und er hat ihn eigenständig begraben. Nun trägt er für sich und insgesamt 14 Familienmitglieder die Verantwortung – und dass bei einem monatlichen Einkommen von nur 15 Dollar.

Nach einem kurzen Mittagessen sind wir nochmal zum Abschiednehmen in unser Kinderzentrum gefahren. Einige Klassen haben Lieder und Gedichte einstudiert, die sie uns voller Stolz vorgetragen haben. Ich habe mir vorgestellt wie schön es wäre, wenn auch die Kinder des Mannes aus West-Mossul dieses Zentrum besuchen könnten, um zumindest teilweise die schreckliche Vergangenheit hinter sich zulassen. Aber es ist leider zu weit entfernt. Wir brauchen also mehr davon!

Zurück in Erbil haben wir uns am Abend mit nationalen Partnerorganisationen getroffen. Mission East arbeitet im Irak zurzeit mit vier Partnern zusammen. Gemeinsam realisieren wir Projekte und profitieren von unterschiedlichen Erfahrungen, Einsatzgebieten und Arbeitsansätzen. Partner, die noch nicht ganz so viel Erfahrung haben, unterstützen wir in den Bereichen Monitoring, Accounting und Projektmanagement.

Zum Abendessen treffen wir mit der stellvertretenden deutschen Generalkonsulin für Erbil, Frau Merks, zusammen. Sie war sehr an unseren Erfahrungen der letzten Tage interessiert und wollte insbesondere Details zur Reise nach Sinjar haben. Mitarbeitern des deutschen Konsulats ist es aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht erlaubt, nach Sinjar zu reisen.

Nach einem langen Tag bin ich gegen 23 Uhr wieder im Gast-Appartement von Mission East in Erbil eingetroffen. Drei Stunden Schlaf müssen ausreichen, bevor es um 3 Uhr morgens wieder zum Flughafen geht.

Die sechs Tage im Irak waren informativ, emotionsreich und spannend. Ich habe viel über unsere laufenden Projekte gelernt und erfahren, welchen Herausforderungen die tagtägliche Projektarbeit im Irak mit sich bringt. Die tragischen Familienschicksale, auf die wir in vielen Gesprächen mit Familien aufmerksam geworden sind, haben mich sehr berührt, und es ist nicht leicht einfach wieder nach Hause zu fahren mit dem Wissen, dass diese Menschen zurückbleiben und auf Unterstützung angewiesen sind. Dass wir innerhalb von sechs Tagen mit Menschen unterschiedlicher Religionen und Lebenseinstellungen zusammengearbeitet und gesprochen haben - und uns dabei das gleiche Ziel und die gleiche Motivation eint - gibt mir aber Hoffnung. "