Lalparu Sunar
By Johanna Fipp 13 Sep 2017 |

Von Analphabetismus zu Lokalpolitik

Lalparu Sunar wuchs in einer armen Familie in der abgelegenen Region Karnali auf. Sie konnte nicht lesen und schreiben. Nach ihrer Teilnahme an einer Alphabetisierungsgruppe für Frauen hatte sie den Mut, für ein lokales Amt zu kandidieren - und wurde gewählt.

Von Asha Budha Magar, Mission Ostnepal, September 2017

Lalparu Sunar wollte ein Bankkonto eröffnen. Sie lebte mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in einem kleinen Haus auf einem winzigen Grundstück. Sie konnten nur Nahrung für vier Monate anbauen. Den Rest des Jahres musste sich ihr Mann in Indien als Saisonarbeiter verdingen.

Deshalb hat Lalparu einen kleinen Laden eröffnet, um das Familieneinkommen zu erhöhen. Um den Überblick über ihre Finanzen zu behalten, benötigte sie ein Bankkonto, doch die Bank verlangte ihre Unterschrift. Das war mehr, als die sonst so unternehmungslustige Frau bewältigen konnte. Sie hatte nie lesen und schreiben gelernt.

Zahlen, Buchstaben und Rechte
Das Problem mit dem Bankkonto machte Lalparu klar, wie wichtig es ist, schreiben zu lernen. Sie schloss sich einem Alphabetisierungskurs für Frauen von Mission East an. Neun Monate lang lernte sie mit den anderen Frauen Lesen und Schreiben. Der Kurs wurde zu einer Frauengruppe. Neben Lesen und Schreiben lernten sie auch ihre Rechte kennen. Nach und nach wurde Lalparu bewusst, dass sie als Frau und als Dalit (unterste Kaste in Nepal, die als "unberührbar" gilt) die gleichen Rechte wie alle anderen genießt - ein Leben ohne Gewalt, Armut und Diskriminierung.

Die Teilnehmerinnen beschlossen, eine Kampagne gegen die Praxis von Chhaupadi zu führen, nach der Frauen während der Menstruation und nach der Geburt in einem Kuhstall leben müssen. Diese Praxis kann zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führen, da die Ställe unbeheizt und unhygienisch sind. 

Eine beschäftigte Frau
Lalparu ist zu einer sehr beschäftigten Frau geworden. Sie ist nicht nur die Schatzmeisterin der Alphabetisierungsgruppe, sondern auch die stellvertretende Vorsitzende des Dorffrauen-Netzwerks und Mitglied des Distrikt-Frauen-Netzwerks. Sie hat sich für die gerechte Verteilung von Nahrungsmittelhilfe eingesetzt, sie hat sich an einer Kampagne für eine bessere medizinische Versorgung beteiligt und ist an einem Fünfjahresprojekt zur Sicherung von sauberem Trinkwasser beteiligt. Nachdem sie so viele Erfahrungen gesammelt hat, beschloss sie, bei den Gemeinderatswahlen 2017 zu kandidieren.

Die Gemeinderatswahlen in Nepal sind ähnlich wie die deutschen Kommunalwahlen. Aufgrund des jahrelangen Konflikts und der Instabilität hat es in Nepal jedoch seit 20 Jahren keine solchen Wahlen mehr gegeben und und nur sehr wenige Frauen haben Sitze in den Räten. Lalparus Entscheidung als Frau und Dalit zu kandidieren war mutig und wurde belohnt. Ordnungsgemäß wurde sie in den Gemeinderat gewählt: 

Lalparu ist nicht allein: 13 weitere Frauen aus den Alphabetisierungsgruppen der Mission East wurden in verschiedene Gemeinderäte in der Region Karnali gewählt.

"Wenn ich früher vor vielen Menschen sprechen sollte, war ich so nervös, dass ich am ganzen Körper zitterte und lieber gar nichts gesagt habe. Mit der Frauengruppe habe ich eine Stimme bekommen, um Themen auf die Tagesordnung zu setzen, die mir wichtig sind. Mittlerweile kann ich mühelos Reden halten und bei Versammlungen zu Wort kommen."

Die größte Leistung
Lalparu möchte eine Reihe von Themen auf die lokale politische Tagesordnung setzen. Sie will die Rechte armer und marginalisierter Frauen stärken und Frauen helfen, die mit Gewalt konfrontiert sind. Sie will gegen Zwangsheiraten, Kinderheiraten, Kastendiskriminierung und die Isolation von Frauen in ihrer "unreinen" Zeit kämpfen.

Und doch glaubt Lalparu, dass ihre größte Leistung darin besteht, ihrem Mann beizubringen, seinen Namen zu schreiben, damit er auch wichtige Dokumente unterschreiben kann. Denn damit hat alles begonnen.  

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Literaturgruppen für Frauen
Seit mehreren Jahren führt die Mission East Alphabetisierungsgruppen für Frauen in West-Nepal durch, die von Läkarmissionen, Danmarksindsamlingen und CISU unterstützt werden.

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Die Verbannung von Frauen
In West-Nepal gilt eine Frau, die gerade ihre Menstruation oder entbunden hat, als unrein. Während dieser Zeit wird die Frau aus ihrem Haus verbannt und muss in einem Stall oder Schuppen leben, in dem sie nur Trockenfutter und Reis essen darf.

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