Wenn die Sprache versagt

„Wenn die Sprache versagt und das Erlebte nicht ausgesprochen werden kann, dann kann die Arbeit mit künstlerischen Ausdrucksformen Kindern und Erwachsenen helfen, traumatische Ereignisse zu verarbeiten.“ 

Die Pädagogin, Gestalterin und Kunsttherapeutin Kis Henriksen, erklärt warum Kunst für die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen so wichtig sein kann. 

Zeichnen heißt sehen. Zeichnen heißt aber auch, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, sich daran zu erinnern und es erneut zu erleben. Die bewusste Auseinandersetzung mit traumatischen Erlebnissen kann sehr schwierig sein. Doch bei künstlerischen Formen passiert dies oft automatisch und den Kindern und Erwachsenen wird erst im Laufe des künstlerischen Prozesses bewusst, was sie abbilden und warum. Sie zeichnen oft Eindrücke und stellen Gefühle dar. Haben sie diese erstmal dargestellt fällt es ihnen leichter, anhand dessen über die Erlebnisse zu sprechen.

Kis Henriksens Erfahrung in der Arbeit mit Kindern zeigt, dass die Kinder trotz ihrer traumatischen Erfahrungen nach einer gewissen Zeit wieder anfangen sich sicher zu fühlen und sich ausprobieren, nachdem sie sich künstlerisch ausdrücken durften. 
In unseren Kinderzentren im Irak haben die Kinder anfangs Kampfhubschrauber, Bomben, Maschinengewehre und Soldaten gemalt - fast ausnahmslos. Ein paar Monate später haben sich ihre Bilder verändert, sie malen nun Häuser mit Gärten, Blumen, Schmetterlinge und Herzen.

„Durch das Zeichnen haben viele Kinder einen Weg gefunden, die mentale Blockade zu überwinden. Sie beginnen sich mit der Zeit zu öffnen und sind bereit, neue Dinge zu lernen und auch sich selbst anders zu sehen", erklärt Kis Henriksen. 

„Viele Kinder und Erwachsenen stellen ihre konkreten Erinnerungen und Erlebnisse mithilfe von Symbolen dar. Mit Symbolen zu arbeiten und über die Symbole zu sprechen, ist eine Möglichkeit, etwas Abstand zu dem Trauma zu halten, ohne es wegzusperren und damit eine weniger bedrohliche Art, miteinander darüber zu sprechen", erklärt Kis Henriksen. 
Das Bild des 15-jährigen Jungen mit dem Titel "Nichts sehen, nichts hören, nicht sprechen", auf dem er sich selbst mit zugenähten Augen, zugenähtem Mund und zugehaltenen Ohren darstellt, zeigt, wie die Erfahrungen, die er gemacht hat ihn von der Welt trennen und ihn daran hindern mit ihr zu kommunizieren. Die Welt schließt sich vor ihm und er schließt sich vor der Welt. Mit dieser Zeichnung hat der Junge seinen Schmerz und seine Verluste visuell und durch seine Titelwahl sprachlich zum Ausdruck gebracht und konnte die Blockade, die er dargestellt hat nach und nach überwinden und sich der Welt wieder öffnen.

Ein anderes Kind hat ein Bild mit dem Titel "Mein Baum des Lebens" gemalt. Der Baum war dunkel, ohne Blätter und sah aus, als werde er bald verdorren. Er symbolisiert den Verlust, den das Kind gemacht hat, das Gefühl, nicht mehr weiter zu kommen und allein zu sein.
Zwei Jahre später malte das Kind wieder einen Baum mit demselben Titel. Dieser Baum hat viele Blätter, die in hellen Farben leuchten, in einer Astgabelung liegt ein kleines Vogelnest mit Eiern und ein Vogel fliegt mit einem Banner umher, auf dem steht: „Fliege hoch und schau runter. Da siehst du, alles wird besser.“

Im Irak malen viele Kinder heute Blumen. In den Gemeinschaftszentren von Mission East finden sie einen sicheren Raum, in dem sie die Möglichkeit haben, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Hier können sie unbesorgt spielen, ihre Freunde treffen und einen Alltag erleben, der nicht von Angst und Terror geprägt ist.

Hier erfahren sie mehr über unser Gemeinschaftszentrum in Mossul.

Kis Henriksen


Kis Henriksen ist Pädagogin, Gestalterin und Kunsttherapeutin. 
Zwischen 2000-2008 hat sie in verschiedenen Projekten mit geflüchteten Kinder aus Bosnien und Herzegowina gearbeitet. In dieser Zeit hat sie die Methode "Die Kunst, eine Sprache zu formen" entwickelt und viel mit ihr gearbeitet und festgestellt, wie hilfreich sie bei der Aufarbeitung von traumatischen Ereignissen ist.